Es ist ein ikonisches Bild aus der Radsportgeschichte: Ein verschwitzter Sieger besteigt das Podium und erhält neben der begehrten Trophäe oder dem Trikot einen üppigen Blumenstrauß und zwei Küsse von einer charmanten Dame. Die „Miss Étape“ (französisch für „Ronde Miss“) ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Rennens. Doch woher stammt diese Tradition eigentlich? Im Vorfeld unserer Fotoausstellung haben wir uns auf Spurensuche begeben!
Vom Olivenzweig zum Blumenstrauß
Die Ehrung von Siegern hat eine jahrhundertealte Tradition. Schon in der Antike (um 752 v. Chr.) wurden Olympiasieger mit einem Kranz aus wilden Olivenzweigen und einem Palmzweig überreicht. Im Radsport sieht man, dass der Deutsche Josef Fischer – Gewinner des allerersten Paris-Roubaix 1896 – auf den Illustrationen bereits mit zwei prächtigen Blumensträußen abgebildet ist. Und 1903 erhielt auch Maurice Garin, Gewinner der ersten Tour de France, wunderschöne Blumen. Eine wunderbare Weiterentwicklung des klassischen Palmzweigs also. Aber Blumen allein machen noch keine Schönheitskönigin der Tour de France. Und dieser Kuss … wann kam der denn dazu?
Der Eingang zum 'Reine'‘
Auf den Fotos der ersten Preisverleihungen vor 1900 sieht man hauptsächlich seriöse Herren mit imposanten Schnurrbärten in eleganten Anzügen. Vielleicht haben sie in ihrer Begeisterung hin und wieder einen Kuss an die Gewinnerin verteilt, aber das macht sie sicherlich noch lange nicht zu einer Ronde Miss!

Die erste ‘Königin’ erschien erst 1928. Auf einem Zielfoto aus dem französischen Badeort Les Sables d’Olonne sieht man den Etappensieger Hubert Opperman, der von einer echten „Reine des Sables“ (Königin des Sandes) offiziell beglückwünscht wird. Wenige Jahre später, 1930, kehrte die Tour de France an denselben Ort zurück. André Leducq, der nicht nur die Etappe, sondern später die gesamte Tour gewinnen sollte, wurde besonders geehrt: Er erhielt gleich zwei Küsse von zwei lokalen Schönheitsköniginnen! Von diesem Moment an war der Ton gesetzt. Immer häufiger überreichten junge Damen (oft in Tracht) den Blumenstrauß, begleitet von einem Kuss auf die Wange. Es war übrigens kein Zufall, dass dies mit dem Aufkommen der ersten Schönheitswettbewerbe zusammenfiel, darunter die Miss-France-Wahlen ab den späten 1920er-Jahren.
Blütezeit und der Aufstieg des Handels
Der Rondemiss wurde schnell zu einem festen Bestandteil jedes Rennens. Von der großen Tour de France bis hin zu den gemütlichen Volksrennen um die Ecke – der Begriff ‘Rondemiss’ war allgegenwärtig, und das traditionelle Kussfoto war der absolute Liebling aller Lokal- und Überseezeitungen. Auch die Wirtschaft blieb nicht unberührt. In den 1960er-Jahren erkannten Sponsoren, dass das strahlende Lächeln neben dem Sieger die perfekte Gelegenheit bot, ihre Marke zu präsentieren und etwas von dessen Sieger-Aura einzufangen.

Mit dem Aufkommen des Live-Fernsehens nahm dieses Phänomen noch größere Ausmaße an. In den 1970er- und 1980er-Jahren sieht man elegant gekleidete Damen, in den Farben von Mode-, Getränke- oder Bankenmarken, die sich fröhlich neben den Sieger stellen. Was viele jedoch nicht wissen: Hinter den Kulissen herrschten strenge Regeln. So war es dem Sieger beispielsweise strengstens verboten (bei Androhung der Entlassung), ein Gespräch mit den Fahrern anzufangen. Doch hin und wieder entstand etwas Schönes: So heiratete der amerikanische Fahrer George Hincapie schließlich ‘seine’ Tour-Miss!
Mit der Zeit gehen
Bis Anfang der 2000er-Jahre erfreute sich die Rondemiss ungebrochener Beliebtheit. Doch die Zeiten ändern sich. Kritische Stimmen wurden immer lauter: Das Konzept, bei dem Frauen vor allem aufgrund ihres Aussehens eingesetzt wurden, galt vielen als überholt. Hinzu kamen leider Vorfälle mit Fahrerinnen, die sich auf dem Podium nicht angemessen verhielten. Während Befürworter das Phänomen lange als unschuldiges und fröhliches Erbe des Radsports verteidigten, entschieden sich immer mehr Organisationen für einen Kurswechsel. 2020 verkündete die Tour de France endgültig das Ende der traditionellen Rondemiss. Heute überreicht bei großen internationalen Rennen ein Moderatorenteam, bestehend aus einem Mann und einer Frau, Blumen und Trophäen – ohne die berühmten Küsse auf die Wange.
Ein fröhliches Zwinkern: Besuchen Sie die Kussgalerie!
Wie man es auch dreht und wendet, die Ronde Miss ist und bleibt ein legendärer Teil unserer Radsportgeschichte. Wir von Tour de Retro schätzen diesen Hauch von Nostalgie und betrachten diese Tradition mit einem Augenzwinkern. Deshalb lieben wir es, die Atmosphäre vergangener Zeiten lebendig zu halten!
Deshalb präsentieren wir Ihnen im Rahmen unserer Veranstaltung am Sonntag, den 6. September, eine besondere Fotoausstellung: die Kussgalerie. Eine farbenfrohe Parade der schönsten historischen Bilder der Tour-Miss vergangener Zeiten. Kommen Sie vorbei, genießen Sie die Retro-Atmosphäre und bewundern Sie die Radsportgeschichte in all ihrer Pracht!




